
Hoch über der Arktis bahnt sich etwas an, das es in dieser Form noch nie so früh im Jahr gegeben hat. Die Wettermodelle sehen den stratosphärischen Polarwirbel in den kommenden Tagen massiv geschwächt, in vielen Rechnungen dreht der Wind dort oben sogar auf Ost. Das erhöht die Chance auf Kälteeinbrüche im Spätherbst und Frühwinter, ist aber kein Freifahrtschein für Schnee und Dauerfrost.
Was sich über dem Nordpol abspielt
In rund 30 Kilometern Höhe kreist im Winter normalerweise ein kräftiger Westwind um die Arktis und hält die Kaltluft dort gefangen. Laut einer Auswertung des World Climate Service lag dieser Wind auf 60 Grad Nord am 27. Oktober noch bei rund 19,5 Metern pro Sekunde. Für etwa den 4. bis 10. November rechnen die Modelle nun mit einem Absturz bis unter null: Im europäischen Ensemble zeigen gut 80 Prozent der Läufe eine Umkehr, im amerikanischen ähnlich viele, im KI-Ensemble des ECMWF rund 60 Prozent. Seit 1958 trat ein solches Ereignis frühestens am 28. November auf, in den Jahren 1968 und 2025.
Warum das erst Wochen später zählt
Eine solche plötzliche Stratosphärenerwärmung wirkt nicht über Nacht. Erfahrungsgemäß dauert es zwei bis sechs Wochen, bis sich die Störung bis zum Boden durchsetzt, und manchmal tut sie das gar nicht. Gelingt es, wird die Westströmung über dem Atlantik schwächer, Hochs über Skandinavien werden wahrscheinlicher und Kaltluft aus Nordosten kann nach Mitteleuropa vorstoßen. Der MIT-Klimaforscher Judah Cohen rechnet mit Auswirkungen frühestens im Dezember und sagt, die Modelle würden mit einem so frühen Ereignis zu kämpfen haben. Ein Gegenspieler ist der sehr starke El Niño. Dass beides zusammenpassen kann, zeigte der Winter 2009/10.
Was das für Deutschland bedeutet
Kurzfristig ändert sich nichts. Bis Ende der Woche bleibt es bei einer ruhigen Ostlage mit Nebel, Hochnebel und Tageswerten von 4 bis 12 Grad. Vor allem in der Südhälfte gibt es nachts leichten Frost bis minus 3 Grad, örtlich Reif- oder Nässeglätte. Markante Wettergefahren sehen wir bis mindestens Freitag nicht. Für die zweite Novemberhälfte und den Dezember steigt aber die Wahrscheinlichkeit für einen Wechsel zu kälteren Lagen mit Dauerfrost und Schnee bis ins Flachland. Ob es wirklich so kommt, entscheidet sich erst in einigen Wochen, und wir behalten die Entwicklung im Blick.
Über den Autor
Dominik Jung
Diplom-Meteorologe
Als Diplom-Meteorologe stehe ich seit 2002 für das Wetter-TV von wetter.net vor der Kamera. Täglich ordne ich die aktuelle Wetterlage ein, bewerte die Langfristmodelle und erkläre, was hinter Extremwetterlagen wirklich steckt. Über 16 Millionen Mal wurden meine Prognosevideos bisher abgerufen.